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aus:

Dieter Koch, Der Stierkampf des Gilgamesch, S. 11-15.

© 2007 Dieter Koch, Josefstr. 137, 8005 Zürich

 

Zur Natur der vorliegenden Untersuchung

Zielsetzung der Untersuchung

Im Gilgamesch-Epos, wie auch in anderen mesopotamischen Mythen, begegnet man astronomischen Anspielungen auf Schritt und Tritt. Zumal wenn man ein offenes Ohr dafür hat, kann man sie unmöglich übersehen. Trotzdem ist ihnen bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ein wichtiges Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die astronomischen und jahreszeitlichen Bezugnahmen des Epos deutlich zu machen. Dabei lassen sich wichtige Erkenntnisse über Aufbau und Struktur des Epos gewinnen. Diese werden uns dann beim Versuch einer kulturgeschichtlichen Deutung des Epos auf Wege zwingen, die bislang als Möglichkeit entweder wenig beachtet oder gar nicht wahrgenommen wurden.

Die Entschlüsselung des Epos – ob astronomisch-kalendarisch, kulturgeschichtlich, ethnopsychologisch, religionswissenschaftlich oder in welcher Hinsicht auch immer – wird kompliziert dadurch, daß wir es mit einem Konglomerat aus mehreren ursprünglich unabhängig voneinander existierenden Mythen zu tun haben. Den Beweis für die komplexe Textgeschichte liefern die älteren, sumerischen Gilgamesch-Erzählungen. Manche von ihnen dienten als Vorlage für Episoden des Gilgamesch-Epos, doch sind sie eindeutig nicht als Teil eines epischen Werkes konzipiert, sondern eigenständig und in sich abgeschlossen.

Dieser Sachverhalt erzwingt eine Betrachtung und Deutung des Werkes auf zwei Ebenen:

        Einerseits gilt es, die einzelnen Bestandteile des Epos, also die ursprünglichen Einzelmythen, die in es eingearbeitet wurden, isoliert zu betrachten. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte und seinen eigenen Sinn.

        Anderseits ist die Frage zu stellen, warum der Verfasser des Epos – wenn er denn als einzelne Person überhaupt existiert hat – diese einzelnen Teilmythen aufgenommen und an der jeweiligen Stelle im Handlungsablauf eingebaut hat.

Dabei ist in Erwägung zu ziehen, daß der ursprüngliche Sinn der Teilmythen durchaus im Konflikt stehen kann mit der Deutung, die das Epos selbst in seiner erhaltenen Form ihnen gibt. Ja, es ist sogar in Betracht zu ziehen, daß der ursprüngliche Sinn eines Mythos in Konflikt steht mit dem Geist Mesopotamiens selbst. Denn manche Mythen dürften ihre Wurzeln in ganz anderen, älteren Kulturen haben. Ein leicht nachvollziehbares Beispiel hierfür: Im Standardepos scheitert Gilgamesch mit seiner Suche nach Unsterblichkeit. Doch das Epos enthält verschiedene Episoden, in denen Gilgamesch den Tod offensichtlich durchquert, folglich überwindet: Ich erwähne hier einstweilen nur zwei Beispiele:

        Gilgamesch überquert im Boot des Urschanabi die „Wasser des Todes“ (mê mūti). Er überlebt sie also.

        Skorpione mit „Todesblick“ (imratsunu mūtu) weisen Gilgamesch den Weg durch das Innere des Berges Maschu. Nach Durchwandern der Finsternis kehrt er wieder zurück ins Tageslicht. Stirbt und aufersteht er also?

Diese und weitere Episoden handeln ursprünglich offenbar von einer real möglichen Überwindung des Todes – was in bemerkenswertem Gegensatz zur Aussage des Epos steht, demzufolge die Endstation des Menschen, und somit Gilgameschs, unausweichlich im Totenreich liegt.

Manche  dieser Urmythen, die ins Gilgamesch-Epos Eingang gefunden haben, müssen um Jahrtausende älter sein als das Epos selbst. Ein gutes Beispiel liefert der Himmelsstiermythos. Die Verbindung einer nackten Frauengestalt oder Göttin mit einem Stier war wohl allen frühen Ackerbaukulturen geläufig. Auf jeden Fall ist diese Symbolik, wie Jacques Cauvin gezeigt hat, von fundamentaler Bedeutung für die neolithische, d.h. ackerbäuerliche Kulturtradition, die um 10’000 v.Chr. in der Levante entstand. Von da aus breitete sich diese Tradition über ganz Europa und große Teile Afrikas und Asiens aus. Allerdings liegt ihr Ursprung wohl in noch früherer Vergangenheit, denn auch in paläolithischen Höhlen Europas finden wir Darstellungen von nackten Frauengestalten assoziiert mit solchen von Auerochsen und Wisenten.

Ein weiterer Punkt ist zu beachten. Es ist anzunehmen, daß die Mythen, die in der mesopotamischen Hochkultur zusammenkommen, aus zahlreichen lokalen Traditionen und verschiedenen Ethnien stammen. Das Gilgamesch-Epos, aber auch andere Mythen, erweisen sich bei näherer Betrachtung als Versuche, verschiedene religiöse Traditionen synkretistisch miteinander zu verschmelzen. Wir werden sogar Fällen begegnen, wo ein und derselbe Stoff im Epos mehrfach, jedoch in verschiedenen „Verkleidungen“, wiederkehrt.

Damit habe ich zahlreiche Problemstellungen aufgeworfen, denen man sich bei der Erforschung des Epos widmen könnte, und es ist offensichtlich, daß ich unmöglich alle behandeln kann. Die Frage stellt sich, worauf ich mich beschränken will. Ich entscheide mich wie folgt: Den Schwerpunkt meiner Arbeit werde ich nicht auf eine Interpretation des Epos in seiner jüngsten Form legen. Ich werde mich auch nicht bemühen, die verschiedenen Traditionen, die ich im Epos zusammenlaufen sehe, geographisch oder ethnisch zu lokalisieren und zu benennen. Entsprechend meinem besonderen Interesse für alles Ursprüngliche möchte ich mich hauptsächlich auf die Untersuchung von Teilmythen des Epos und die Ergründung ihres ursprünglichen Sinns konzentrieren. Es ist sehr wichtig, daß die Leser dies im Gedächtnis behalten. Viele dieser Mythen, wenn nicht alle, wurzeln tief in der Prähistorie, ja sie tun uns vielleicht sogar ein Fenster auf in das Denken des neolithischen Menschen, d.h. in das ureigenste Denken der Ackerbaukultur.

Ich betone nochmals: Beim Erforschen dieser Mythen wird sich öfters zeigen, daß deren ursprüngliche Bedeutung zwar noch hindurchschimmert, den Verfassern des Epos jedoch offensichtlich nicht mehr bewußt war. Dabei werden wir auch auf religiöse Lehren stoßen, welche weder der Verfasser des Epos noch die Verfasser der sumerischen Mythen tatsächlich teilten. Meine Absicht kann selbstverständlich nicht die sein, dem Verfasser des Epos Ansichten zu unterschieben, die er offensichtlich nicht teilte, sondern die, verschiedene Kerngedanken der im Epos enthaltenen Mythen herauszuarbeiten und verstehen zu lernen, aus welchem Geist sie ursprünglich geboren wurden.

Den Ansatzpunkt meiner Arbeit liefern, wie erwähnt, die astronomischen und jahreszeitlichen Bezugnahmen des Epos bzw. der in ihm enthaltenen Mythen. Konkret möchte ich demonstrieren, daß das Gilgamesch-Epos als ganzes sich Mysterien widmet, die dem Winterhalbjahr (September/Oktober bis März/April) zugeordnet sind. Das eigentliche Ziel meiner Arbeit ist es aber, diese Mysterien verstehen zu lernen.

Die astronomischen und kalendarischen Anspielungen sind zunächst sehr eng mit der Landwirtschaft verbunden. Im Herbst spannte der Bauer die Ochsen vor den Pflug, bearbeitete den Acker und säte das Korn. Der Kampf mit dem Himmelsstier steht symbolisch für diese Phase. Es folgen die Winterregen und eine Zeit, in welcher Holzfällerei und allerlei handwerkliche Arbeiten das Leben dominierten. Diese Periode wird durch die Expedition zu Chuwawas Zedernwald versinnbildlicht, wobei das Epos allerdings die Chronologie aus gewissen Gründen verkehrt hat. (Der Chuwawa-Mythos geht dem Himmelsstiermythos voraus, statt ihm zu folgen.) Der Frühling schließlich ist gleichzeitig eine Zeit der Ernte und auch eine Zeit der Überschwemmungen. Letztere müssen durch geeignete Maßnahmen kontrolliert werden, sollen Städte und Felder nicht vernichtet werden. Im Epos entspricht diese Periode der Episode, in der Gilgamesch über die „Wasser des Todes“ zu Utanapischti fährt und dessen Sintflutbericht hört.

Die Verbindung zwischen den Erzählungen einerseits und den Jahreszeiten sowie den ihnen zugeordneten Tätigkeiten anderseits ist dabei von ätiologischer Natur. Geschildert wird ein Ereignis in ferner mythischer Vergangenheit, das jeweils die Erfindung einer Errungenschaft menschlicher Kultur erklären soll: Der Himmelsstiermythos handelt von der Erfindung des Ackerbaus, der Chuwawa-Mythos von der Erfindung der Holzwirtschaft, der Mythos von der Überquerung des Todeswassers schließlich von der Erfindung des Schiffbaus, der Flutenkontrolle und Bewässerung, des Städtebaus und religiöser Riten. Gleichzeitig wird sich zeigen, daß die Erfindung all dieser Aspekte menschlicher Kultur nach Ansicht der Mythen auf die „Erfindung“ der Sexualität am Anfang der Zeiten zurückgeht, und daß diese „Erfindung“ gleichzeitig auch die Sterblichkeit des Menschen begründet. Die Erfindung des Ackerbaus z.B. beruht auf einer „Verletzung“ der Erdgöttin, die vergleichbar ist mit der „Verletzung“, die eine Frau bei der Entjungferung erfährt. Die Sterblichkeit des Menschen wird als eine Strafe der Göttin für diesen Frevel interpretiert. Nebenbei werden wir sehen, daß der biblische Mythos vom Sündenfall ebenfalls in diesen Kontext gehört. Auch hier geht die Erfindung des Ackerbaus Hand in Hand mit der „Erfindung“ der Sexualität und mit dem Ursprung der Sterblichkeit des Menschen.

Schließlich möchte ich zeigen, daß all diese Mythen auch „Initiationsmythen“ sind, d.h. daß sie das Erwachsenwerden junger Männer zum Gegenstand haben. Dies müssen wir uns so vorstellen, daß der junge Mann, wenn er erwachsen wird, all die erwähnten Ätiologien an sich selbst, in Leib, Seele und Geist nacherlebt und dadurch zu einem vollwertigen Menschen wird, d.h. zu einem Wesen mit Sexualität, zu einem Wesen mit Hybris und Kultur und zu einem Wesen, das unausweichlich zum Tode verurteilt ist.

 

Was Assyriologen und andere Fachspezialisten zu erwarten haben

Die vorliegende Abhandlung ist von interdisziplinärer Natur. Daß ich eine solche wage, hat seine Ursache, und, wie ich hoffe, auch seine Berechtigung, in meinem etwas komplizierten Lebenslauf. Nach dem Gymnasium studierte ich an der Universität Zürich während sechs Jahren Philosophie mit den Nebenfächern Sanskrit und Griechisch. Nach dem Lizentiat begann ich teilzeitlich bei einer Großbank Computer zu programmieren. In der Freizeit beschäftigte ich mich jahrelang mit Himmelsmechanik, mit astronomischer Computerprogrammierung und mit der Geschichte der Astrologie. Auf der Suche nach dem Ursprung der Sternbilder, stieß ich auf Werner Papkes Arbeit über das Gilgamesch-Epos, von der noch die Rede sein wird. Papkes archäoastronomische Deutung von Gilgameschs Kampf mit dem Himmelsstier wurde für mich zum Ausgangspunkt von Studien, die zum vorliegenden Werk geführt haben. Die Materie ergriff derart Besitz von mir, daß ich – wiederum an der Universität Zürich – Akkadisch und Sumerisch lernte, um die Texte im Original studieren zu können. Schließlich habe ich manche wichtige Inspirationen aus den Werken Siegmund Freuds, Mircea Eliades und der Archäologen Jacques Cauvin und Ian Hodder erhalten.

Es dürfte damit klar sein, daß sich eine solche Arbeit nicht nur an Leser aus dem Fachgebiet der Assyriologie richtet, sondern an ein entsprechend breit gefächertes Publikum. Das erzwingt allerdings folgende Bemerkungen, die zu beherzigen ich die Leser dringend bitten möchte:

        Es ist völlig ausgeschlossen, daß ich als Einzelperson auf all diesen Gebieten das Niveau eines Fachspezialisten erreiche, ja ich räume gerne ein, daß ich es auf keinem dieser Gebiete erreiche. Es ist auch zu erwarten, daß ich bestehende Literatur zu angeschnittenen Themen, die eigentlich in die Arbeit einbezogen werden sollte, in gewissen Fällen schlicht nicht kenne. Das Ziel kann nicht sein, jeden Fachspezialisten in jedem Detail zufriedenzustellen oder jeden Autor zu erwähnen, der u.U. ohne meine Kenntnis auch schon ähnliche oder widersprechende Gedanken publiziert hat. Dies wäre angesichts der Größe meines Vorhabens nur schon aus Platzgründen nicht möglich. Es geht hier vielmehr um das große Ganze, eben um das Resultat einer interdisziplinären Arbeit. Vom Leser erbitte ich mir daher eine gewisse Großzügigkeit bei kleineren Mängeln.

        Im Interesse jener Leser, die nicht Fachleute auf einem Gebiet sind, das ich berühre, werde ich meine Sprache eher simpel halten und den Sachverhalt gelegentlich wohl ausführlicher darlegen, als der Spezialist für nötig halten würde. Hier kann ich nur um Geduld bitten.

        Die Verknüpfung verschiedener Fachgebiete führt manchmal zu Gedankengängen, die ungewohnt und nicht unbedingt leicht nachzuvollziehen sind. Darüber hinaus ist die vorliegende Arbeit nicht bloß eine Ansammlung von Teiluntersuchungen, die auch einzeln herausgegriffen und isoliert verstanden werden könnten. Vielmehr baut das eine auf dem anderen auf, und ich habe mir große Mühe gegeben, die richtige Abfolge für die Entwicklung des Stoffes zu finden. Die Struktur meiner Arbeit gleicht hierin weniger der, wie man sie bei einer assyriologischen oder historischen Arbeit erwartet, sondern eher der Struktur einer philosophischen Abhandlung. Daraus folgt aber, daß beim Lesen eine gewisse Disziplin eingehalten werden muß. Ich meine: Man kann die vorliegende Arbeit nur wirklich verstehen, wenn man vorne zu lesen beginnt und nichts ausläßt. Das Herauspicken einzelner Kapitel oder Hin-und-her-hüpfen kann nur zu völligem Unverständnis und Mißverständnis führen; und manchmal wohl auch zu dem Eindruck, ich rede von Dingen, die sich unmöglich belegen lassen – während ich sie zuvor tatsächlich belegt habe. Wer keine Zeit hat, 700 Seiten zu lesen, fährt besser, wenn er einfach einige Kapitel liest und dann die Lektüre abbricht. Es spricht auch nichts dagegen, manche Kapitel schneller hinter sich zu bringen. Der zweite Teil der Arbeit mit den „Interkulturellen Betrachtungen“ kann bei fehlendem Interesse ohne Schaden ignoriert werden.

        Für Kritik, auch schwerwiegende, sowie für Anregungen bin ich sehr dankbar. Ja, ich erkenne, daß ich tatsächlich darauf angewiesen bin, um womöglich entscheidende Fortschritte zu machen. Man kann sich zum Beispiel per E-Mail an mich wenden ().

 

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Dieter Koch, Der Stierkampf des Gilgamesch, S. 11-15.

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